Gedichte und Geschichten

Ein paar Eindrücke und Werke unserer KünstlerInnen

Mimi die Lesemaus – Margit Allstädt

Mimi war ein kleines neugieriges Mäusemädchen. Sie lebte mit ihren Eltern und fünf Geschwistern auf einem Speicher, bei einer großen Familie, bei der die Speisekammern immer gut gefüllt waren.

Bei der Familie, bei der sie lebten, ging es lustig zu. Immer war irgendetwas los, es wurde gelacht, gespielt und gestritten. Laute fröhliche Stimmen hallten durch das Haus, und die Menschen hatten wenig Zeit, auf die Speisekammer zu achten.

Deshalb war das Leben dort auch für die Mäusefamilie gut zu ertragen. In der Nacht, wenn die Menschen schliefen, schlichen sie sich durch die Gänge, spielten verstecken, bis sie endlich müde auf ihr Lager sanken und bis in den Tag hinein ruhten.

Am Tag waren sie vorsichtig, versteckten sich und passten auf, das die Menschen im Haus sie nicht sahen. Sie wollten sich dieses Leben, fast wie im Schlaraffenland, nicht verderben.

Mimi beobachtete am Tag gern die Kinder in der Familie. Am meisten hatte ihr es Eva, das jüngste Mädchen aus der Familie angetan.

Eva hatte lange blonde Zöpfe und strahlende blaue Augen. Sie war gerade sieben Jahre alt und hatte vor kurzem mit der Schule angefangen.

Mimi versteckte sich am liebsten in Evas Zimmer unter einem Schrank und hielt sich mucksmäuschenstill.
Von da aus sah sie zu, wie Eva mit ihrer Puppe spielte. Am liebsten hatte sie es, wenn Eva an ihrem Schreibtisch saß und Hausaufgaben machte.

Da lag dann die Tafel vor Eva, und sie hörte das Quietschen des Griffels. Manchmal las Eva ihrer Mutter aus dem Lesebuch vor. Und erzählte ihr dann alles, was sie in der Schule erlebt hatte.

Mimi, in ihrem Versteck, wünschte sich nichts sehnlicher, als zur Schule zu gehen, um Schreiben und Lesen und Rechnen zu lernen, wie die kleine Eva.

Eines Nachts faßte sie einen Plan. Sie versteckte sich unter dem Schrank in Evas Zimmer, und wartete bis Eva tief eingeschlafen war. Dann huschte sie raus und versteckte sich schnell im Schulranzen von Eva.

Am nächsten Morgen nahm Eva wie immer den Schulranzen auf den Rücken und ging mit ihrer Freundin zur Schule. Sie ging in ihr Klassenzimmer und hängte ihren Schulranzen an seinen Platz.

Als die Kinder gerade andächtig der Stimme der Lehrerin lauschten, schlüpfte Mimi unbemerkt aus dem Schulranzen.

Von nun an blieb sie im Klassenzimmer, ernährte sich von den Speiseresten der Pausebrote und lernte lesen und schreiben und rechnen.

Viele Bilder im Kopf – Margit Allstädt

Manchmal, wenn ich schreibe, fallen mir viele Bilder ein.
Wenn ich will, dass sie auf dem Papier bleiben,
fliegen sie wie ein Luftballon, in den Himmel hinein.Manchmal fühle ich mich wie ein Chamälion,
ich passe meine Farben, meiner jeweiligen Umwelt an.Ein anderes Mal übe ich den aufrechten Gang,
und in mir da ist ein Drang,
mich nur noch stark zu geben,
und endlich ohne Angst zu leben.

Ich stehe am Strand und sehe den Wellen nach,
bis hinauf in das Wolkendach.
Die Wolken ziehen am Himmel dahin,
und die Welt wird weit rund und schön.
Ich höre das Rauschen der Wellen,
und sehe das ewige Kommen und Gehen,
dann denke ich, mein Gott, wie klein und unwichtig bin ich doch.

Und wenn ich wieder mal am Infostand stehe,
und wieder einmal keine Resonanz sehe,
dann denke ich mir,
auch meine Meinung zählt,
und ich kämpfe dafür.

Und manchmal falle ich in ein tiefes Loch,
dann bin ich ganz verzweifelt,
und suche einen Halt.

Manchmal, wenn meine Kinder im Sand spielen,
und so richtig im Schlamm wühlen,
juckt`s mich in den Fingern und ich wäre gern selbst ein Kind.

Ein andermal, wenn meine Kinder bei den Hausaufgaben sind,
bin ich ganz streng, und sag „träum nicht mein Kind“.

Vor meinen Augen sehe ich oft die Eichenblätter aus Tschernobyl,
zerbrochen ist der Strich der Natur,
sie zerfasern und fallen aus ihrer Form und Stiel.

Manchmal würde ich gern ohne Begrenzung leben,
den Mauern in mir und mich herum, keine Chance mehr geben,
und stundenlang am Strand der Sonne entgegen gehen,
und nirgendwo ein Ziel sehen.

Manchmal sehe ich den Vögeln nach, und würde gern mit ihnen fliegen,
bis hinauf in das Wolkendach und immer höher und höher steigen,
so wie die Möwe Jonathan.

Löwenzahn – Margit Allstädt

Löwenzahn

Dicht an die Mauer gedrängt,
grau, verstaubt, giftresistent
aus dem Asphalt geboren.

Löwenzahn

Fallschirme wiegen sich im Wind,
fliegen aus geschwind,
Samen, der sogar aus dem Asphalt noch grünt.

Bei mir dahoim – Margit Allstädt

Mei liebster Platz bei mir dahoim, des ist der Küchentisch,
i hör ma an Vivaldi a und sitz mi hi und schreib.
Di Zeit di spuilt ko Rolle mehr. I versenk mi in mi selbst,
und des kann Gegenwart, Zukunft, Vergangenheit, auf amoi sei.Die Kindheit, die steht wieder auf, wird lebendig vor meine Augn,
a Kindheit die voll Schatten war, aber voi Freid.
A Landschaft wie aus dem Bilderbuch wird in mir wieda wach,
do ist des Dorf, der Wold, der Bach, da wo i so gern war.Da am Küchentisch, da komm i mir wia a Zauberer vor,
i erfind am mei Welt nei und tauch in Traumlandschaften ei.
A Welt de voll is prall und rund und wo a jeder zählt,
die Kinda spuiln mitanand, die Gross`n lacha und vazähln.

A jeder teilt, des was a hat, und koana hungert oder friert,
da oane nimmt an andern bei der Hand,
und koan mehr is Angst und bang.

I wach aus meine Träume auf, und ois is wie owai war,
irgendwo gibts owai an Krieg, und Atomkraftwerke gibt`s a no.
Der Alltag kommt ma nacha doppelt so schwar vor.

Hymne an die Nordsee – Margit Allstädt

I hab a paar Woch´n in deiner Nähe g’lebt.
Und die Zeit war für mi schee.
Wenn i a ba Minuten Zeit g`habt hab,
bin i zu dir ganga, am Strand und zur See.
Und jeds moi warst anders für mi.
Manchmal warst ruhig und verspuit,
und hast mit meine Füß Fangerl gespuit.
A andersmoi warst rauh und wuild,
und der Wind hat ma an Regen ins Gsicht nei gspuit.
Die Wolken am Himme warn schwarz und byzarr
und a Regenbog`n war a do.

Mei Herz ist weit worn und ruhig, i war dort nur a Teil der Natur.

Aber oins hat mi traurig gmacht, dort bei dir am Strand,
des was die Mensch`n mit dir treibn, des is a Schand.
Als Strandgut dort treibts den Wohlstandsmüll a,
da gibt`s Dosen, Flasch`n, und Plastiktüt`n,
und ois was wir Mensch`n, so wegschmeissen muissen.
Sogar radioaktiv verseuchts hams di scho.
Eigene Schiffe komma sogar und lad`n ihre ganzen Gifte a,
die Ölschiffe san a unterwegs und manche ham a Loch,
und kriegst oin Ölteppich dafür.

Die Fisch die kriegn`s Gschwür,
den Vögeln wird vom Öl G`fieder verschmiert,
und die Robb`n, die sterbn am geheimen Robbensterben.

Jahrmillionen gibt`s di scho und ewig hast du g`rauscht,
und ewig bist komma und ganga,
im Spuil von Ebbe und Flut.

Aba glaub mas, mir Mensch`n im Jahr 2011,
wir schaff ma di a no.

Was ich brauche – Hergith Albrecht

Ihr hattet mich falsch verstanden
mit eurem Mitleid
ich meinte nicht:
„leidet wegen mir“
denn das macht
mein Leben nicht
leichter

Ich brauche
eine Hand die mich hält
ein Wort das mich trägt
eine Geste aus Verständnis
dass ich sein darf
wie ich bin

Leuchtspuren – Margit Allstädt

Leuchtspuren will ich ziehen, leuchtende Wege durchs Dunkel gehen,
zaubern will ich mit dem Licht, bis endlich die Sonne die Dunkelheit zerbricht.

Die Nacht wirft Schatten an die Wand, der Tag weiß nichts davon.
Bringen Kälte und Lähmung mit, drücken mich fest an die Wand.

Hell leuchten will ich in der Nacht, ein Zauberer der Farben sein,
mit Pinsel und Farbe Leitern bauen, aus dem Tunnel in das Licht.

Impulse – Ellen Gabriele Meischner

impulse . schwingungen . wellen
turbulenzen steigen auf
ambivalenzen
was will da kommen?
es gärt . wird fester . mäandert empor
mitte des raumes
worte
den a u g e n b l i c k be-greifend
bilden eine brücke
zur lichten peripherie
staunen . unsicherheit . veränderung
öffnet bebende zellen
halten einer vergessenen spur
berührung
immer wieder
sich vertraut machen
herantasten . zögern . horchen
es keimt ins heute
warm und fest
in erwachenden akkorden
pulsiert sprachlosigkeit zur form
kraftvoll und zart